Heute Nachmittag fand in der Mensa der Universität Bremen eine Vollversammlung auf Einladung einer wie auch immer gearteten Aktionsgruppe zum Bildungsstreik 2009 statt. Was soll ich sagen? Ich habe mich schon etwas schämen müssen wie stumpf und niveaulos Studierende ihre Meinung kund tun müssen. Es kamen hohle plakative Phrasen ohne Ende. Beim Bullshit-Bingo hätte man wirklich seinen Spaß haben können. Klar hier und da gab es eine kleine Ausnahme und man hat auch mal etwas argumentiert warum man für etwas ist, aber im Großen und Ganzen kamen diese Argumente eben nur aus der Sicht der Studierenden und wurden weniger so zum Ausdruck gebracht, damit sie in der Öffentlichkeit auch effektiv Anklang finden könnten.
So meinten einige aus der Aktionsgruppe gleich noch in die Bildungskritik eine Forderung nach der Abschaffung des Kapitalismus einbringen zu müssen, was die ganze Aktion gleich in eine bestimmte politische Richtung treibt welche viele Studierende abschreckt. Gleichzeitig hatten aber die selben Kapitalismuskritiker kein Problem damit eine Anhebung des Gehalts der studentischen Bediensteten an der Universität von 8,02€ auf 15€ zu fordern, wo man sich dann schon fragt, was genau da eigentlich ihre Motivation ist, wenn sie Kapitalismus doch eigentlich so verabscheuen.
Dann wurde auch dem Rektorat vorgeworfen, dass es die Abschaffung der Mittagspause heimlich, still und leise hinter verschlossenen Türen beschlossen hätte. Also ich wusste schon vorher von diesen Plänen und Mitglieder des AStA auch, also kann es ja so heimlich nicht gewesen sein. Gleichzeitig wird aber natürlich nicht bemängelt, dass man dem AStA des Linkslistenbündnis andauernd hinterher laufen muss, wenn man etwas über seine Tätigkeiten erfahren will und er seine potentiell effizienteste Publikationsplattform, nämlich seine Website, schmählich vernachlässigt. Gleichzeitig hatte man aber keine Probleme damit, die Aktion des Rektorats gleich mal als Ausrede dafür zu verwenden, warum man nicht mit ihm diskutieren möchte.
Bezüglich des Bachelor-Studiengangs warf man wahrheitsgemäß vor, dass dieser viel zu sehr verschult sei, zu viel Arbeitsaufwand abverlange und die versprochene Mobilität nicht erbringe. Aber anstatt klar zu argumentieren warum das für die gesamte Gesellschaft schädlich ist, wurde nur über die böse neoliberal begründete Motivation den Bachelor so einzuführen geschimpft und die Aussage los gelassen, dass man unter diesem Druck und ohne die Mittagspause schlichtweg keinen Bock habe von 8 bis 22 Uhr durch studieren.
Und als Mittel dagegen wurde dann beschlossen, dass man doch auf die Verursacher Druck ausüben wolle, natürlich ohne mit ihnen selbst nicht zu reden und ohne konkretes Konzept. Als einzig klares Mittel wurde die Demo am Mittwoch genannt, welche aber allein schon dadurch abgeschwächt wird, dass die Organisatoren zum Fußballspiel während dessen und dergleichen aufgerufen haben. Dass das keinen guten Eindruck in der Öffentlichkeit bewirken würde daran dachte natürlich niemand...
Nachdem ich mir das ganze eine gewisse Zeit lang angehört hatte und kurz davor stand vor Wut zu platzen, faste ich mir ein Herz und machte eine Wortmeldung in welcher ich zu mehr Konstruktivität in dem Streik aufrief. Man kann halt nicht plakative Reden der führenden Politik verurteilen und mit ebenso plakativen Reden erwidern. Man kann nicht gegen das Klischee der ewig Party machenden Studierendenschaft in der Gesellschaft aufräumen indem man nun nur stumpf irgendwelche Null-Bock-Tiraden raus gröhlt. Man muss dem ganzen mit wohl durchdachten Argumenten entgegnen, welche den Politikern keinen Raum für Widerworte lassen, der Öffentlichkeit unsere Intelligenz und unser Engagement beweist und vor allem müssen sie auch aus den Sichtweisen anderer Gesellschaftsmitglieder formuliert werden, damit andere unsere Problematik überhaupt verstehen können. Denn wenn Menschen in unserem Staate schon kein Problem mehr haben sich für einen Hungerlohn in mehreren Jobs kaputt zu schufften, wieso sollten die dann verstehen, dass wir keine Lust auf nen vollen Studientag haben? Zudem muss man halt auch mal unangenehme Gespräche mit Rektorat, Senatorin oder ähnlichen Entscheidungsträgern in Kauf nehmen, auch wenn sie einem das Blaue vom Himmel versprechen und trotzdem nichts halten, weil man dabei unter Umständen Öffentlichkeit für unsere Probleme erzielen kann und wir uns dann eben nicht vorwerfen müssen diejenigen gewesen zu sein, welche nicht zu einer produktiven Zusammenarbeit bereit waren.
Für meine Anmerkungen erntete ich leider hauptsächlich Buh-Rufe aus dem linksradikalen Lager und der Hauptredner meinte, dass doch die Status übergreifenden Demonstrationen von 2007, wo man konstruktiv mit dem Rektorat zusammen gearbeitet habe, zu nichts geführt hätten. Das machte mich leider so wütend, dass ich mich dazu hinreißen ließ, auszusprechen, dass der AStA kein Deut besser sei, als die Leute welche sie anklagen, was meiner sonst doch relativ sachlichen Rede ein gewisses negatives Ende verlieh. Aber das war dann einfach der Gipfel der Heuchelei. Denn die Status übergreifenden Demonstrationsaktionen im Jahre 2007 waren vor allem dem Einsatz von Stugisten und unabhängig engagierten Studierenden zu verdanken, mich eingeschlossen, und weniger dem AStA des Linkslistenbündnis. Dieser hatte nichts besseres zu tun als die gemeinsame Arbeit durch Schmähschriften gegen bestimmte Professoren zu torpedieren, ebenso wie durch völlig unangebrachte Redebeiträge bei der Demo. Und sobald die Wahl gelaufen war, machte der AStA auch keine Anstalten irgendwie an dem geschafften anzuschließen. Bevor man eine gute Idee für gescheitert erklärt, sollte man es doch einmal wirklich versucht haben und das hat das Linkslistenbündnis einfach nicht konsequent getan, weshalb die von ihr getroffene Beurteilung einfach mal vollkommen ungerechtfertigt ist.
Naja, ich bin dann darauf hin gegangen um nicht noch mehr Worte fallen zu lassen, welche dort nicht angebracht waren. Es haben mir zwar dann noch ein paar Leute durch Zunicken, Handschlag und ähnliche positive Bekundungen ihre Zustimmung mitgeteilt, aber im Großen und Ganzen ist diese Aktion nun für mich erstmal gestorben, denn die Leiter der selbigen scheinen einfach komplett unfähig zu sein Selbstkritik zu üben, weshalb ich mir keine befriedigende Zusammenarbeit mit ihnen vorstellen kann.
Ach ja, bei der ganzen Aktion waren von den gut 16.000 Studierenden der Uni laut den Veranstaltern ganze 400 Studierende anwesend, darunter im wesentlichen die üblichen Verdächtigen. Dass es "immerhin" rund 400 haben die Veranstalter natürlich positiv bewertet. Die selbstkritische Frage warum man es denn nicht geschafft habe die restlichen 15.000-nochwas Studierende zum Erscheinen zu motivieren musste daher jemand anderes stellen, wie mir im Nachhinein von anderen berichtet wurde.
Naja, da ist nur zu hoffen, dass es nach den Gremienwahlen in der letzten Woche zumindest zu einem kleinen Umschwung im AStA kommen und diese Verblendung in den Aktivitäten des selbigen endlich ein Ende finden wird...
[Update]:
Heute Nacht kam über den Mailverteiler der Stugen der Uni eine Mail von eben jenem Herren, welcher gestern auf der VV festgestellt hatte, dass ca. 400 Leute anwesend sind. Diese hat nicht nur Links zu Nachrichten über den Bildungsstreik und eine weitere Aufforderung zur Teilnahme am Mittwoch enthalten, sondern auch die Aussage, dass gestern 500 Leute anwesend gewesen sein. Da fragt man sich doch: Wo kamen da auf einmal 100 Leute mehr her? Was soll sowas? Wie kann man gleichzeitig den führenden Politikern vorwerfen, dass sie an uns vorbei regieren und Sachen schön reden und dann selber solche Schönrechnerei betreiben?
Ich möchte an dieser Stelle aber mal kurz klarstellen, dass ich nicht grundsätzlich gegen den Streik bin. Ganz im Gegenteil, ich bin froh, dass endlich mal wieder was passiert, denn immerhin lief 2008 quasi gar nichts an gemeinsamen Aktionen gegen die vorherrschenden Probleme an deutschen Universitäten. Ich habe lediglich ein Problem damit wie so ein Protest von Mitgliedern des Linkslistenbündnis an unserer Uni mitgestaltet wird. Da wird dann mal eben gleich eine Kapitalismuskritik mit eingebaut, welche eben nicht die Meinung der meisten Studierenden darstellt. Es wird zu Fun-Aktionen aufgerufen, welche die Ernsthaftigkeit des Protests in Frage stellen. Und es werden plakative Tiraden raus gegrölt, welche teilweise an der Realität vorbei gehen oder jeglichen nachvollziehbaren Argumentes beraubt sind, was uns teilweise mit denen aus den Führungsetagen auf eine Stufe bringt, welche wir anklagen, dass sie falsch mit uns Umgehen. Und so erreicht man einfach nichts sinnvolles!
Ach ja - um das auch mal eben klarzustellen - ich habe kein Problem mit dem Linkslistenbündnis, weil es linksradikal ist. Ich fände es schön, wenn wir in einem wahren Kommunismus nach Marx und Engels leben könnten, aber dafür sind die Menschen nun einmal einfach schlichtweg zu individuell und egoistisch. Mein Problem liegt einfach darin, dass sie halt so gar keine Probleme damit zu haben scheinen ihre Meinung als die eine Meinung der Studierendenschaft darzustellen, auch wenn sie es nicht mal schaffen 10% der selbigen zu den Gremienwahlen zu motivieren. Da wird munter mit den Mitteln des AStAs an den eigenen Kommilitonen vorbei "regiert", während man ein und das selbe der führenden Politik vorwirft. Und das ist meiner Meinung nach einfach Heuchelei und falsch... Übrigens gab es von Seiten des Studierendenrates (das höchste Beschlussfassende Gremium der Studierendenschaft an der Universität Bremen) Versuche mehr Transparenz in die Arbeit des selbigen zu bringen, um so das Interesse der Studierenden an seiner Arbeit anzuheben. Der AStA des Linkslistenbündnis hat es aber in über einer Legislaturperiode nicht geschafft eine Stelle für die Geschäftsführung des Studierendenrates so auszuschreiben, dass diese besetzt werden konnte. Und da diese nun nicht vorhanden und das SR-Präsidium offensichtlich völlig überfordert war, wurde der Plan aus der Legislaturperiode 2007/2008, auf dem Campus an mehreren neuralgische Stellen Schaukästen mit den Protokollen der SR-Sitzungen und ähnlich aktuellen Nachrichten aus der Studierendenvertretung aufzubauen, bisher immer noch nicht umgesetzt... Da müssen sich die Damen und Herren halt schon mal die Frage gefallen lassen, ob sie wirklich mehr Demokratie und Transparenz wollen, oder lediglich nur mehr Einflussvermögen für sich selbst, damit sie ihre persönlichen Ideologien stärker ausleben können, wenn sie z.B. im Akademischen Senat (das höchste Parlament der Uni Bremen) mehr Stimmen für die studentischen Vertreter fordern.